DIE MUSIK DER WORTE
Der König als Leser
Ludwig II. von Bayern ging zwar als Erbauer
grandioser Schlösser und als leidenschaftlicher Bewunderer Richard
Wagners in die Geschichte ein. Aber er war auch ein Literaturfreund von
erstaunlicher Belesenheit. Der poetische Kanon seiner Epoche stand ihm
souverän zu Gebote. In seinen Separatvorstellungen kamen auf eine Oper
fünf Aufführungen des klassischen und modernen Sprechtheaters. Während
seiner letzten Lebensmonate zählten die Werke Edgar Allan Poes zu seinen
ständigen Begleitern. Literatur durchdrang sein ganzes Fühlen und
Denken. So erschließt sich auch der Subtext seiner eigenen Briefe und
Aufzeichnungen oft erst dann, wenn man sie zugleich als Reflexe seiner
Lektüre wahrnimmt.
Denken in Texten und Tönen
Allerdings
war Ludwigs literarisches Denken durchtränkt von Musik. Selbst wo er
Privatissima formulierte: poetisch-musikalische Assoziationen blieben
untrennbar damit verbunden. So notierte der König am Tag der Trennung
von seiner Verlobten: "Sophie abgeschrieben. Das düstere Bild verweht:
nach Freiheit verlangt mich, nach Freiheit dürstet mich..." - und
lieferte damit das Beispiel einer durch und durch konditionierten
Weltwahrnehmung. Denn "Das düstere Bild verweht" paraphrasiert
offenkundig Lohengrins Gesang im Brautgemach "Das süße Lied verhallt".
Während der Rest der Passage fast wörtlich Tannhäusers Aufbegehren gegen
die erotischen Fesseln der Venus wiedergibt. Dergestalt versuchte
Ludwig, durch Vermittlung von Musik und Dichtung seiner eigenen Gefühle
Herr zu werden.
Die Musik der Worte
Unser Programm 2012
nimmt die Allgegenwart von Poesie und Klang in Ludwigs Fühlen zum
Anlass, um über das Verhältnis von Literatur und Musik schlechthin
nachzudenken. Allerdings geht es dabei nicht um die selbstverständliche
Verbindung beider Medien in Oper und Kunstlied, sondern um ein
spezifisch literarisches Moment, das über diesen Grundkonsens
hinausträgt. So betritt in Monteverdis "Orfeo" demonstrativ der
mythische Dichter und Sänger die Bühne des Musiktheaters. Beethoven
brachte in der 9. Symphonie das Orchester zum Sprechen, um sodann durch
Schillers "Ode an die Freude" den sinfonischen Typus schlechthin
literarisch aufzubrechen. In einer ebenso kühnen wie folgenreichen
Entscheidung vertonte Robert Schumann mit "Das Paradies und die Peri"
einen Bestsellertext des Dichters Thomas Moore und schuf damit den Typus
des Literatur-Oratoriums. Giacomo Puccini endlich wählte als Stoff für
"La Bohème" einen Künstlerroman, in dem der Protagonist selbst Literat
und Dichter ist.
Klangrede und Verkündigung
Spätestens
durch Beethoven wurde die Tür weit aufgestoßen für das Genre redender
Musik. So erscheint bei Liedkomponisten wie Robert Schumann und Johannes
Brahms das Einbeziehen vokaler Strukturen in ihre Instrumentalwerke
fast schon selbstverständlich. Tschaikowsky schrieb seine 5. Symphonie
gezielt als Autobiographie in Tönen. Während Schostakowitschs 1.
Cellokonzert sich als komplex verschlüsselter politischer Kommentar
erweist. Aber auch den Grenzgängen zwischen Musik und Sprache widmet
sich unser Programm - sei es in Schönbergs Melodram "Pierrot Lunaire"
oder in E.T.A. Hoffmanns Musiknovelle "Ritter Gluck". Und wenn Johann
Sebastian Bach in seinen Kantaten gemäß dem Johannes-Evangelium das Wort
selbst zum Thema macht, ist Musik als Mittel der Verkündigung erst
gänzlich bei sich selber.