




Mehr als dreißig Uraufführungen hat das Kammerorchester zu Gehör gebracht, seit Christoph Poppen 1995 die künstlerische Leitung übernahm und das unverwechselbare dramaturgische Profil des Klangkörpers begründete. Für seine ideenreiche Repertoireauswahl hat das MKO zahlreiche Preise erhalten, darunter zwei Auszeichnungen des Deutschen Musikverlegerverbandes für das beste Konzertprogramm (2001/02 bzw. 2005/06). Komponisten wie IannisXenakis, Wolfgang Rihm, Tan Dun, ChayaCzernowin und Jörg Widmann haben für das Kammerorchester geschrieben; allein seit 2006 hat das MKO Aufträge u.a. an Erkki-Sven Tüür, Thomas Larcher, Bernhard Lang, Nikolaus Brass, Samir Odeh-Tamimi, Klaus Lang, Mark Andre, Peter Ruzicka, MártonIllés und Georg Friedrich Haas vergeben.
Alexander Liebreich, der zur Spielzeit 2006/07 Poppens Nachfolge antrat, setzt auf die Erlebnisqualität und kommunikative Intensität der zeitgenössischen Musik. Ein Denken in ästhetischen Lagern, wie es den Umgang mit dem musikalisch Neuen hierzulande über Jahrzehnte bestimmt hat, ist Liebreich ohnehin fremd. Ziel ist die vertiefende Auseinandersetzung mit ungewohnten Klängen, gerade auch in Wieder- und Nachaufführungen. 2008 erhielt das MKO den Preis ›Neues Hören‹ der Stiftung ›Neue Musik im Dialog‹. Gewürdigt wurde hiermit, so die Begründung der Jury, der ›unerschöpfliche Ideenreichtum bei der Erprobung von neuen Wegen in der Vermittlung zeitgenössischer Musik‹.
›Es gibt sie, die lange Schlange an der Kasse, wenn heutzutage Musik von heutzutage gespielt wird. Nicht überall, aber hier‹, staunte Eleonore Büning unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und in der Münchner Abendzeitung bemerkte Robert Braunmüller: ›Das MKO widerlegt die These vom angeblich so konservativen Publikum, das immer nur den gleichen Beethoven, Brahms und Bruckner hören mag. Hier blüht die größte Liebe Münchens zwischen Musikern und Publikum. Neben den Donnerstagabenden im Prinzregententheater, der Hauptspielstätte des Orchesters, hat das Kammerorchester in den vergangenen Jahren eine Reihe ungewöhnlicher Konzertformate etabliert. Ein ebenso kundiges wie großes Publikum finden seit nunmehr sieben Jahren die ›Nachtmusiken‹ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne, die jeweils ein komplettes Programm einem Komponisten des 20. oder 21. Jahrhunderts widmen. Regelmäßig erteilt das Kammerorchester einem Musiker die ›carteblanche‹ einer völlig freien Programmauswahl, während das ›concertsauvage‹ die Zuhörer bis zum Beginn des Abends im Unklaren darüber lässt, welches Repertoire mit welchen Solisten zu hören sein wird.
Die Entdeckerlust des MKO-Publikums belegt, dass es neben den ›typisch Münchner Parametern‹ – ›das Emotionale, das Mediterrane, das Katholische, das Rituelle‹ (Opernintendant Nikolaus Bachler) – in der bayerischen Landeshauptstadt ein nicht minder starkes Bedürfnis nach spielerischem Erkenntnisgewinn gibt: Nach herausfordernden Begegnungen mit dem Unbekannten, geleitet von Musikern, deren Energie, Begeisterung und Risikobereitschaft sich direkt in den Saal übertragen. Basis einer derart intensiven musikalischen Kommunikation ist dabei immer die spieltechnische Qualität des Orchesters. Alexander Liebreich hat die 25 fest angestellten Streicher in den vergangenen Spielzeiten zu einem Ensemble geformt, das über eine enorme stilistische Vielseitigkeit verfügt. Agil schalten die Musiker etwa von historisch informierten Interpretationen barocker und klassischer Werke auf die anspruchvollen Spieltechniken zeitgenössischer Musik um.
Im Zusammenwirken mit einem festen Stamm erstklassiger Solobläser aus europäischen Spitzenorchestern profiliert sich das MKO als schlank besetztes Sinfonieorchester, das dank seiner besonderen Klangkultur auch in Hauptwerken Beethovens, Schuberts oder Schumanns interpretatorische Maßstäbe setzen kann. Namhafte Gastdirigenten und eine Phalanx herausragender internationaler Solisten sorgen regelmäßig für weitere künstlerische Impulse. Feste Bestandteile der Abonnementreihe wie auch der Gastspiele des Orchesters sind überdies Konzerte unter Leitung eines der beiden Konzertmeister. Die Verantwortungsbereitschaft und das bedingungslose Engagement jedes einzelnen Musikers teilen sich an solchen Abenden mitunter besonders intensiv mit.
1950 von Christoph Stepp gegründet, wurde das Münchener Kammerorchester von 1956 an über fast vier Jahrzehnte von Hans Stadlmair geprägt. Mitte der neunziger Jahre war seine Existenz akut gefährdet. Heute wird das Orchester von der Stadt München, dem Land Bayern und dem Bezirk Oberbayern mit öffentlichen Zuschüssen gefördert. Seit der Saison 2006/07 ist die European Computer Telecoms AG (ECT) offizieller Hauptsponsor des MKO. Mit Hilfe eines professionell organisierten Sponsoring-Angebots konnten in den letzten Jahren zahlreiche weitere Firmen und private Förderer als Unterstützer für das Orchester gewonnen werden.
Das MKO versteht sich als modernes und flexibles Ensemble, das sich nicht nur für ein denkbar breites Repertoire verantwortlich fühlt, sondern auch mannigfache Aktivitäten außerhalb der Abonnementreihen entfaltet. Rund sechzig Konzerte pro Jahr führen das Orchester auf wichtige Konzertpodien in aller Welt. Allein in der Saison 2009/10 gastierte das MKO in bedeutenden europäischen Musikzentren wie dem Théâtre des Champs-Elysées und dem Théâtre du Châtelet in Paris, im Londoner BarbicanCentre, der Philharmonie in Luxembourg, der Dresdner Frauenkirche sowie bei Festivals wie dem Rheingau Musik Festival, dem Ultraschall Festival Berlin und den Tagen für Neue Musik in der Zürcher Tonhalle. In der Saison 2010/11 stehen u.a. Tourneen nach Asien (Taiwan, Hongkong, Macao, Peking), Spanien, Skandinavien und Südamerika auf dem Plan des Orchesters.
Eine regelmäßige Zusammenarbeit verbindet das MKO mit der Münchener Biennale, bei der es – nach Uraufführungen von Tan Dun, ChayaCzernowin und VykintasBaltakas – zuletzt an der Uraufführung von Lin Wangs Oper ›Die Quelle‹ beteiligt war, sowie mit der Bayerischen Theaterakademie und deren Leiter Klaus Zehelein; hier wird in der Saison 2010/11 als zweite gemeinsame Produktion nach Glucks ›Die Pilger von Mekka‹ die Oper ›Die Hochzeit des Figaro‹ von Mozart auf dem Spielplan stehen.
Bei ECM Records sind Aufnahmen des Orchesters mit Werken von Hartmann, Gubaidulina, Bach und Webern, Mansurian, Scelsi, Barry Guy und Valentin Silvestrov erschienen. Die erste Produktion unter Leitung von Alexander Liebreich mit Werken von Joseph Haydn und Isang Yun (ebenfalls bei ECM) bezeichnete der ›New Yorker‹ 2009 als eine ›der überzeugendsten Klassikaufnahmen der letzten Monate‹. Im Frühjahr 2010 erschien bei der Deutschen Grammophon ein Bach-Programm der Geigerin Hilary Hahn mit Christine Schäfer, Matthias Goerne und dem MKO unter Leitung von Alexander Liebreich. Weitere Aufnahmen des MKO sind u.a. bei Sony und bei der DG erschienen.
Einen Schwerpunkt der Aktivitäten, die Alexander Liebreich mit dem Münchener Kammerorchester initiiert hat, bildet die integrative Arbeit im Rahmen des ›Projekt München‹. Konzerte und Workshops, eine Orchesterpatenschaft mit dem Puchheimer Jugendkammerorchester und weitere Initiativen haben dabei eine Vernetzung des Orchesters am Standort München und die Kooperation mit Institutionen im Jugend- und Sozialbereich zum Ziel. Der Gedanke gesellschaftlicher Verantwortung liegt auch dem Aids-Konzert des Münchener Kammerorchesters zugrunde, das sich in den vergangenen vier Jahren als feste Einrichtung im Münchner Konzertleben etabliert hat. Nicht weniger als siebzig Gastmusiker aus aller Welt vereinigten sich im Februar 2010 mit den Streichern des MKO, um im restlos ausverkauften Prinzregententheater unter anderem Mahlers Vierte Sinfonie aufzuführen. Alle Beteiligten traten ohne Gage auf; der komplette Erlös des Abends kam der Münchner Aids-Hilfe zugute. ›Selten ist ein Klassikpublikum so jung und begeisterungsfähig‹, konstatierte die Süddeutsche Zeitung nach dem Konzert, das in minutenlangen Ovationen endete.

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