deutsch | english
Herrenchiemsee Festpiele



Reinhard Goebel

Reinhard Goebel, geboren 1952, hat mit dem 1973 von ihm gegründeten und 33 Jahre geleiteten Ensemble Musica Antiqua Köln ein bedeutendes Kapitel Interpretationsgeschichte der Alten Musik geschrieben: die 1985 noch arg verstörende Einspielung der Brandenburgischen Konzerte ist heute zur Referenzaufnahme „gereift“, die „Dresden Concerti“ des Bach-Zeitgenossen Heinichen, 1993 veröffentlicht, lösten eine weltweite Begeisterung für die Musik aus Dresdens Augusteischer Zeit aus und die Recital-CDs mit Anne Sofie von Otter, Christine Schäfer und Magdalena Kozena beweisen, daß auch mit den Stars der Branche programmatisch ausgefeilte Produkte von erheblicher Nachhaltigkeit herstellbar sind. Namen wie Biber, Veracini und insonderheit Telemann fanden durch Goebels Tätigkeit zurück ins Bewußtsein von „Kennern und Liebhabern“.

Weltweit – und dafür wurde er nicht nur mit großen internationalen Schallplatten-Preisen ausgezeichnet: Lübeck würdigte ihn 1984 mit dem Buxtehude-Preis, Magdeburg 2002 mit dem Telemann-Preis, 1980 erhielt er schon den Siemens-Förder-preis und aus den Händen des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau 1997 den Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Ganz aktuell nahm Reinhard Goebel im April 2007 den IAMA Award in London entgegen.

Als Geiger war Reinhard Goebel Schüler von Franzjosef Maier, Eduard Melkus, Marie Leonhardt und Saschko Gawriloff. Er vertiefte seine musikhistorischen und philologischen Interessen durch das Studium der Musikwissenschaften an der Universität Köln und erhielt nachhaltige Anregungen durch Christoph Wolff, den Doyen der Bach-Forschung.

„tempora mutantur“: Goebel hat mit der Vollendung seines 53.Lebensjahrs den Geigenkasten und das Ensemble Musica Antiqua Köln geschlossen und ist nur noch mit dem Dirigentenstab, mehr noch aber mit der „Waffe des Wortes“ tätig. Man wird sich möglicherweise verwundert die Augen reiben ob der Tatsache, daß ausgerechnet Reinhard Goebel, die Galions-Figur der „Alten Musik“ in Deutschland, dem „Fetisch Original-Instrument“ so brüsk den Rücken kehrt und sich „modernen Ensembles“ zuwendet. In gebotener Kürze nur soviel: es ist nicht und nie das Instrument, sondern immer nur der Kopf, der die Musik macht – und „le coeur a ses raisons“...

Die Tatsache, daß das 18.Jahrhundert keinen Dirigenten kannte - und wenn es ihn „benötigt“ hätte, ihn schnellstens hätte schaffen können - , sondern die musikalisch-formale Einstudierung eines Werkes durch den am Cembalo sitzenden Kapellmeister, der Zusammenhalt des Ensembles hingegen durch den erhöht sitzenden Konzertmeister bewerkstelligt wurde, bedeutet eine abrupte Wende vom Bild des "jet-settenden Pultstars“ hin zum intellektuellen Analysten, der die Befunde einer Komposition deutet und aufgrund umfassender Kenntnisse in einem Stilbereich These (als bekannt Vorauszusetzendes), Antithese (notwenige Neuerungen) und Synthese (Personalstil eines Werkes) vor allem den Spielern mitteilt: nur sie sind es, die der Hörer klingend wahrnimmt! Zweifellos folgt aus der Veränderung der Verhältnisse zwischen „Pultstar“ und dem von ihm trainierten Ensemble in Goebels Verständnis auch eine Veränderung des Rezeptionsverhaltens des Publikums: altbekannte Werke werden nicht zum x-ten Male abgespult und dem frei mäandernden assoziativen Hören freigegeben, sondern vornehmlich unbekannte Kompositionen sollen in ihrer historisch-ästhetischen Position und ihrer individuellen Botschaft gehört und erkannt werden. Nur das ist erkenntnis- bereichernd und intellektuell stimulierend.

Reinhard Goebel ist schon seit langem gerne gesehener Gast in den Funkhäusern von Saarbrücken, Frankfurt, München, Köln und Hannover, gastierte erfolgreich beim Deutschen Symphonieorchester Berlin, beim Leipziger Gewandhaus Orchester, der Dresdner Philharmonie, beim Royal Philharmonic Orchestra London oder beim Tonhalle-Orchester Zürich. Er steigt bisweilen auch „in den Graben hinab“, so augenblicklich im Nationaltheater Mannheim, wo er Piccinnis „Catone in Utica“ aus dem Jahr 1770 dirigiert.

Goebels Programme werden definitiv im 18.Jahrhundert „bleiben“: sein Ziel  ist es, einerseits das sinfonische und konzertante Programm innerhalb der Grenzen des „Alten Reiches“ zu erkunden, andererseits die modernen Klangkörper vorsichtig in das Dunkel der Vergangenheit zu führen und ihnen Bach, Händel, Telemann und Fasch zurückzugeben. Als Brückenkopf dienen dabei die Werke der Bach-Söhne, die zwischen Barock und vollendeter Klassik stehen.

 

Übersicht Künstler

 

 

Internationale Herrenchiemsee Festspiele gemeinnützige GmbH
Am Gasteig 7 • D-83115 Neubeuern • GERMANY • Telefon 08035-1031 • info@herrenchiemsee-festspiele.de