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Herrenchiemsee Festpiele

 

2018

»EUROPA!«

Noch jung wie einst, schon alt und im Zerfallen!
Oder wie immer, seit es sie gibt: immer wieder neu und jung!

„Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur „Geschichte“ werden, – noch einmal – könnte eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davontragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! Nur eine ‚Idee‘, eine ‚moderne Idee‘“! (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886)
Ja, alt und über alle Maßen voll und überladen ist die Fabel, die zur Geschichte geworden ist für einen vielgestaltigen Kontinent aus zahllosen Ländern, aus vielen Kulturen, aus Zerrissenheit und Sehnsucht nach Harmonie! Doch – ehrlich gestanden –  wir wissen immer noch nicht und sind uns nicht sicher, was eigentlich „Europa“ ist! Eine Realität? eine politische Entscheidung und Perspektive? Ein Mythos, eine Idee oder gar nur ein Traum, aus dem das Erwachen ein Albtraum ist? Europa! ein Wesen aus dem Osten, aus Asien, aus dem Orient, dem Morgenland, woher die Sonne, das Licht des Tages kommt und sich über unsere Länder ausgießt und verbreitet.
Oh Europa! Was wissen wir von Dir? Niemand weiß Genaues, so bekannte schon im 4. Jahrhundert vor Christus der griechische Historiker Herodot, um zu fragen, wer hat die Grenzen festgelegt und den Namen des Kontinents aus dem Namen eines nackten Mädchens entnommen, das offenbar aus Asien stammte und geraubt worden ist – aus Lust und Freude an einem bewegten und bewegenden Leben. Ja, mit Europa erwachte der vielgestaltige Erdteil zum Leben und entwickelte eine spezifische Lebensform aus Dynamik und Mächtespielen, wie diese schon zu erahnen waren aus dem göttlichen Gewaltakt des Raubes der phönizischen Königstocher Europa.

Die Geschichte Europas, die sich erzählen lässt, ist grausam und von schmerzlichen, nicht zu verstehenden Katastrophen und Untergangsszenarien durchzogen. Sie kennt alle Formen von Gewalt und Zerstörung, von Revolution und Reformationen, die zu heftigsten Auseinandersetzungen, Spaltungen und Kriegen führten. Europa verstand sich auch nicht nur aufs Eigene, sondern im Gegenteil: es ließ dem Trieb der Neugier, der Unterwerfung und Vergewaltigung, der Umerziehung vom Fremden ins Eigene nur allzu oft freien, dabei verbrecherischen Lauf. Europa unterwarf sich die Länder und Völker der Erde; und man wundert sich heute, wenn solche Völker aus Not ihre angestammten Räume verlassen und hier eine neue Existenz suchen; und wenn damit das gesamte organisch gewachsene Gefüge in der Welt aus den Fugen gerät und höchste Gefahr eines Einsturzes entsteht.

Doch klar ist auch: der Mythos von der Entführung der phönizischen Königstochter durch Zeus in der Gestalt eines Stiers, den mächtigen Göttervater und Triebtäter, hat auch viel Gutes und Positives bewirkt, freigesetzt und zur Entfaltung gebracht. Und so scheint es auch kein Zufall zu sein, dass sich die christliche Religion der göttlichen Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen und von der Bereitschaft, durch die Menschwerdung des Gottessohnes das Leiden der Menschen zu teilen und es letztlich auch zu bekämpfen und zu überwinden –, dass diese Religion in Europa Verbreitung gefunden hat. Nein, das ist kein Zufall! Das Christentum hat sich hier ausgebreitet und damit zugleich die ganze Ambivalenz aus Gewalt und Liebe in unsere Geschichte Europas hineingebracht. Im Namen Christi wurde unterworfen und getötet, doch auch dem Leben der Menschen die Sicherheit des Glaubens geschenkt. Die divergierenden Kulturen wurden beeinflusst und entscheidend geprägt, auch in dem Sinne, dass durch die christliche Prägung des Lebens und der daraus hervorgehenden Traditionen Grenzen überwunden wurden und die Vorstellung von Gemeinsamkeit und Einheit sich bilden und entwickeln konnte. So war dann auch der Weg der Befreiung aus den Verordnungen und Bestimmungen der christlichen Kirchen ein gemeinsames Phänomen, bei allen bis heute bestehenden Unterschieden.
Die Idee der „Aufklärung“, ausgelöst durch die Widersprüche in der Glaubenswirklichkeit der Christen, war ein europäisches Phänomen. Sie beruhte und beruht auf dem Glauben und auf dem Einsatz der Vernunft des Menschen im Dienste einer eigenen Lebens– und Weltgestaltung. Die Folge: die Autonomie des Menschen, aus der heraus sich die Fragen nach Macht und Sicherheit nur noch dringlicher und schärfer stellen. Fürchterliche Ereignisse bildeten die Nachlässe, denken wir an den 30jährigen Krieg im 17. Jahrhundert, an 1789, an Napoleon, an den Ersten und Zweiten Weltkrieg, an den Holocaust. Was Schlimmeres wäre noch denkbar?
Doch immer auch wieder wurden in Europa nach solchen Katastrophen Aufbrüche, Veränderungen und neue Menschen– und Weltbilder erfunden und zur kulturellen Ausprägung gebracht. Wie konnte es sein, dass in der Zeit nach dem 30jährigen Krieg so viel Neues geschaffen wurde, dass die Welt neu gestaltet wurde und in einem so jubelnd gepriesenen glanzvollen Licht erscheinen konnte. Ein neuer und einzigartiger Drang nach Erkenntnis, nach Schönheit und sinnlichem Erleben, nach Würde des Daseins, nach Bildung und Neugestaltung von Lebensregeln und –formen entstand. Die kulturellen Zeugnisse aus Architektur, aus bildender Kunst, Literatur und Musik sprechen davon. Was bewirkt den Geist und die unerschütterliche Kraft, den Willen und Mut, die Welt neu zu erfinden und aus diesem Tatendrang ein Lebensgefühl zu gewinnen, das die Welt und das Dasein in hellen Farben und Stimmungen wahrnehmen will, was aber gleichwohl das Elend und das Schmerzliche im Leben nicht umgeht und verdrängt, sondern sich ihm stellt, um es zu überwinden.
Bach und Händel, Vivaldi, Haydn, Mozart, Beethoven und viele mehr stehen für den Willen und die Fähigkeit des Menschen, Leben und Sinngebung des Lebens zu gestalten – und dies aus dem Glauben heraus, dass in der Schöpfung selbst ein Vater und eine Mutter dafür sorgen, dass die als göttlich gegebene Natur des Menschen aus Herz und Verstand den richtigen, den „rechten Weg“ schon finden werde. Was haben die Menschen nicht alles erfunden, um diesen Weg in die Erfüllung des Lebens zu wagen und zu gehen?
Ein Johann Sebastian Bach mit seinem ungebrochenen Christusglauben und zugleich schöpferischen Ich–Bewusstsein; ein Georg Friedrich Händel, der so berührend von den Labyrinthen des Seelischen in Oper und Oratorium zu singen wusste! Und da ist Joseph Haydn, ein Innovator, ein wie im Spiel sich offenbarender Schöpfer, wie er als Phänomen unter den Menschen immer wieder anzutreffen ist. Dann Mozart, das Wunder, so unbegreiflich in seinem Einfühlen in die Daseinsspannungen unter den Menschen, der alles, was er in der Welt vorfand, in eine einzigartige musikalische Sprache aus Lebenssehnsucht, Zuversicht und Harmonie zu verwandeln wusste. Und dann Beethoven, so vielen späteren Kollegen Wegweiser und zugleich beschwerender Schatten – dieser Willensmensch, der sich nicht scheute, den Menschen den Spiegel vorzuhalten und an ihre Vernunft und Willenskraft zu appellieren. Wie in seiner einzigartigen „Neunten“, die Kulturgeschichte geschrieben hat, indem aus ihr und ihren Rezeptionen die gesellschaftliche Praxis unserer musikalischen Kultur hervorgegangen ist, die heute, ausgehend von Europa, über die ganze Welt verbreitet ist.

Unsere vielbeschworene „Klassische Musik“ mit ihren unzähligen, so vielfältigen Phänomenen steht für Europa; sie steht für die vielen Wunden, die aus dem Raub und der Vergewaltigung – oder war es vielleicht doch ein von beiden gewollter Liebesakt? – hervorgegangen sind. Sie steht für Europa und für diese grandiose Entwicklung im Wandel der Zeiten, hervorgegangen aus Glauben und Zweifel, pillstock aus Hoffnungen und Rückfällen, aus Visionen und Taten; sie steht für den Menschen in individueller wie zugleich sozialer Existenz sowie für den Anspruch,  den Menschen aus würdeloser Existenz zu befreien und in ein freies und menschliches Leben in sozialer Gemeinschaft zu entlassen.
Welches sind die Bilder heute, wenn wir an Europa denken? Wie ist der Klang – atmet er Sehnsucht oder ist es ein Schrei? –, wenn wir Europa vor uns sehen? Heute – zerfallende Schönheit aus Wunden und Wundern!   


Dieter Rexroth

 

 

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