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Herrenchiemsee Festpiele

2018

»EUROPA!«

Die Geschichte Europas, die in einem Mythos wurzelt, der von Liebe, Raub und Unterwerfung erzählt und den Exegeten immer wieder Rätsel aufgegeben hat, ist grausam und von Schreckensszenarien durchzogen. Christentum und »Aufklärung« haben sich hier, über Grenzen hinweg den Gemeinsinn unter den vielen verschiedenen Völkern prägend, entfalten können. Viel Blut ist in Europa geflossen, immer gab es Zwist und Krieg, denken wir nur an den 30-jährigen Krieg, den Ersten und Zweiten Weltkrieg, an den Holocaust. Was wäre noch Schrecklicheres denkbar?

Doch immer wieder gab es in Europa nach verheerenden Verwüstungen, Auferstehung, Aufbrüche, Veränderungen und neue Menschen- und Weltbilder, was dann in der Folge zu neuen Kulturen und Blütezeiten geführt hat. Wie konnte es sein, dass nach dem 30-jährigen Krieg so viel Neues geschaffen, die Welt neu gestaltet wurde und in einem so jubelnd gepriesenen glanzvollen Licht erscheinen konnte. Ein einzigartiger Drang nach Erkenntnis, nach Schönheit und sinnlichem Erleben, nach Würde des Daseins, nach Bildung und Neugestaltung von Lebensregeln und -formen entstand. Die kulturellen Zeugnisse aus Architektur, aus Bildender Kunst sowie Literatur und Musik machen uns Staunen!

Was stimuliert den Geist und die unerschütterliche Kraft, den Willen und Mut, die Welt neu zu erfinden und aus diesem Tatendrang ein Lebensgefühl zu gewinnen, das die Welt und das Dasein in hellen Farben und Stimmungen wahrnehmen will, was aber gleichwohl das Elend und das Schmerzliche im Leben nicht umgeht und verdrängt, sondern sich ihm stellt, um es zu überwinden.

Bach und Händel, Vivaldi, Haydn, Mozart, Beethoven und viele mehr stehen für den Willen und die Fähigkeit des Menschen, Leben und Sinngebung des Lebens zu gestalten – und dies aus dem Glauben heraus, dass in der Schöpfung selbst ein Vater und eine Mutter dafür sorgen, dass die als göttlich gegebene Natur des Menschen aus Herz und Verstand den richtigen, den »rechten Weg« schon finden werde. Was haben die Menschen nicht alles erschaffen, um diesen Weg in die Erfüllung des Lebens zu wagen und zu gehen?

Ein Johann Sebastian Bach mit seinem ungebrochenen Gottesglauben und zugleich schöpferischen Ich-Bewusstsein; ein Georg Friedrich Händel, der so berührend von den Labyrinthen des Seelischen in Oper und Oratorium zu singen wusste! Und da ist Joseph Haydn, ein Innovator, ein wie im Spiel sich offenbarender Schöpfer, wie er als Phänomen unter den Menschen immer wieder anzutreffen ist.

Dann Mozart, das Wunder, so unbegreiflich in seinen Einfühlungen in die Daseinsspannungen unter den Menschen, der alles, was er in der Welt vorfand, in eine einzigartige musikalische Sprache aus Lebenssehnsucht, Zuversicht und Harmonie zu verwandeln wusste. Und dann Beethoven, so vielen späteren Kollegen Wegweiser und zugleich beschwerender Schatten – dieser Willensmensch, der sich nicht scheute, den Menschen den Spiegel vorzuhalten und an ihre Vernunft und Willenskraft zu appellieren. Wie in seiner einzigartigen »Neunten«, die Kulturgeschichte geschrieben hat, indem aus ihr und ihren Rezeptionen die gesellschaftliche Praxis unserer musikalischen Kultur hervorgegangen ist, die heute, ausgehend von Europa, über die ganze Welt verbreitet ist. Werke von Smetana, Janà?ek, Tschaikowsky, Ravel stehen auf den Programmen; Werke, die Geist und Stimmungsbilder aus europäisch sich verstehenden Nationen atmen, die gleichwohl bis in unsere Tage stets Probleme mit Europa hatten und haben. Unser besonderer Blick fällt auf das Liederprogramm, das ganz im Zeichen des Romantikers Johannes Brahms steht. Die Gattung »Lied« steht für eine musikalische Kunst, die auf einzigartige Weise den Empfindungswelten des Subjekts Ausdruck gegeben hat. Neben »Lied« und Gesang in Oper, Kantate und Messe sind mit Streichquartetten und Bläserwerken musikalische Zeugnisse vertreten, die die Gattungsvielfalt der europäischen Musik ausweisen. Und dann sind da die Werke, wie Karl Amadeus Hartmanns »Concerto funebre«, die punktgenau dem Puls der Zeit verhaftet sind.

Unsere oft beschworene »Klassische Musik« mit ihren so vielfältigen Phänomenen und ihrer beispiellosen Entwicklungsdynamik steht für Europa; sie steht für die vielen Wunden, die aus dem Raub und der Vergewaltigung – oder war es vielleicht doch ein von beiden gewollter Liebesakt? – entstanden sind. Sie steht für eine grandiose Entwicklung im Wandel der Zeiten, hervorgegangen aus Glauben und Zweifel, aus Hoffnungen und Rückfällen, aus Visionen und Taten; sie steht für den Menschen in individueller wie zugleich sozialer Existenz sowie für den Anspruch, den Menschen aus würdeloser Existenz zu befreien und in ein freies und menschliches Leben in sozialer Gemeinschaft zu entlassen.

Welches sind die Bilder heute, wenn wir an Europa denken? Wie ist der Klang – atmet er Sehnsucht oder ist es ein Schrei? Ist es Verzweiflung? – Europa heute! Was ist das? – Zerfallende Schönheit aus Wunden und Wunder zugleich?!

Dieter Rexroth

 

 

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